Auszug aus dem Buch "Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau" von Susanne Willems

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

"Judenwohnungen" auf Bestellung: Kontingente, Sonderräumungen, Gefälligkeiten

Parallel zu den Bereichs- und Wohnungsräumungen der "I. Aktion" bedachte der GBI seit Februar 1941 eine wachsende Klientel, die in Berlin Wohnungen und Büros suchte. Mehr als fünftausend Wohnungen Berliner Juden überließ die Neugestaltungsbehörde bis November 1942 als Kontingentwohnungen der behördlichen, kommunalen und militärischen Wohnungsfürsorge, bei Sonderräumungen wegen kriegswichtigen Büroraumbedarfs von Behörden und Rüstungskonzernen und als Speersche Gefälligkeiten. Diese Wohnungsvergabe sollte die Akzeptanz der auf die bauliche Neugestaltung Berlins ausgerichteten Kriegstätigkeit der Neugestaltungsbehörde fördern. Sie trug zu Speers gutem Ruf in Regierungs- und Wirtschaftskreisen bei, noch bevor der Siebenunddreißigjährige Anfang Februar 1942 zum Reichsminister aufstieg. Für die Zuteilung von Altbauwohnungen an die behördliche Wohnungsfürsorge und von der NSV betreute Wohnungssuchende entschied sich der GBI Ende 1940. Mit Heydrich hatte Speer sich bereits Anfang November 1940 geeinigt, Beamten des Reichssicherheitshauptamts und der Gestapo Wohnungen Berliner Juden zu vermitteln. Auf gemeinsamer Geschäftsgrundlage Reichsministerien, "Reichsführer SS" und Berliner Gauleitung an der Ausbeute der Wohnungsräumungen gegen Juden zu beteiligen, erleichterte Hitler die entscheidende Befürwortung der Neugestaltungsräumungen während des Kriegs Mitte Januar 1941.

Abbildung: Räumungsliste Herr Wertheim und seine Mitbewohner wurden wohnungslos: vom Abschnitt des Mitberechtigungsscheins in die Räumungsliste übertragene Wohnungsangaben des Vermieters zum Vertragsabschluß
Abbildung: Einverständnis zur Zwangsrämung Wohnungslosigkeit - von Speers Behörde auf speziellen Wunsch veranlaßt.
Abbildung: Intervention gegen die Unterbringung jüdischer Familien Intervention des Direktors der Kontinentalen Öl AG bei Hetlage
Abbildung: Karl Blessing bittet darum, Juden Wohnungen vorzuenthalten Karl Blessing: Dieser Namenszug verlieh den DM-Scheinen des Wirtschaftswunders Gültigkeit
Abbildung: Wohnungen für Heydrichs Wohnungsfürsorge Eine Anzahl Wohnungen für Heydrichs Wohnungsfürsorge - Geschäftsgrundlage für die seit Sommer 1940 von Speer verlangte Deportation aller Berliner Juden

Neben den Raumanforderungen nach dem Reichsleistungsgesetz kümmerte sich der GBI auf Kosten von Berliner Juden nicht nur um den dienstlichen Büroraumbedarf von Behörden, Verbänden und Konzernen, sondern auch um die privaten Wohnungsbegehren aus deren Chefetagen. Wer in Berlin unabhängig von der kontingentierten Wohnungsfürsorge "eine Judenwohnung von 4 - 5 Zimmern" suchte, "eine Wohnung mit Judenmöbeln" brauchte, "eine 5 - 7 - Zimmerwohnung" oder "bei einer 5 - Zimmerwohnung ein Dienstmädchenzimmer extra, möglichst ausserhalb mit einem Garten wegen der Kinder" favorisierte, brauchte Speers Einverständnis. Speer bat stets um Vertraulichkeit und beteuerte Ende Mai 1941, daß er sich "schon jetzt noch kaum vor Wünschen und Gesuchen in dieser Richtung retten kann und so weitgehend keine Möglichkeit zur Hilfe habe." Es hatte sich herumgesprochen, daß man bei Speer eine Geschoßwohnung oder auch ein Einfamilienhaus im nahen Westen bestellen oder "eine geeignete Judenvilla in bevorzugter Lage" ausfindig machen lassen konnte. Der eine wollte mieten oder kaufen, "Preis spielt keine Rolle", ein anderer hatte gehört, es wären "einige Judenhäuser da", und er wäre "nicht abgeneigt, vorteilhaft zu kaufen, wenn auch vielleicht nur für die Dauer des Krieges".

Für die Grundstücksinteressenten bemühte sich die Neugestaltungsbehörde im März 1941 um Angebote der Haupttreuhandstelle Ost, die etwa 700 Grundstücke aus dem Eigentum polnischer Juden verwaltete. Im Juni 1941 billigten Speer und Hettlage den Mißbrauch des dem GBI für städtebauliche Maßnahmen eingeräumten Vorkaufsrechts zugunsten privater Interessenten, "um den für unsere Zwecke notwendigen jüdischen Grundbesitz (Villen etc.) in unsere Hände zu bringen". Der GBI tätigte den Vorkauf innerhalb der gesetzlichen Frist von sechs Wochen, sobald die beim GBI "vorhandenen Bewerber" Interesse bekundeten. Damit solche Transaktionen amtlicher Korruption den Haushalt des GBI nicht belasteten, hatten die Schnäppchenkäufer den Preis zur Ausbootung anderer privater Käufer bei der Amtskasse des GBI im Voraus einzuzahlen.

Die Vergabe von mehreren Dutzend Wohnungen Berliner Juden setzte Speer ebenso für wechselseitige Gefälligkeiten effektiv ein wie für den Büroraumbedarf expandierender Rüstungsbetriebe. Die Neugestaltungsbehörde betrachtete alle Wohnungen Berliner Juden als GBI-Eigentum. Grundsätzlich hatten sie der Neugestaltung Berlins zu dienen, auch dann, wenn ein winziger Teil dieses Segments des Berliner Altbauwohnungsbestands für andere Zwecke abgezweigt wurde. Die Mitwirkung des GBI an der amtlichen Wohnungsfürsorge auf Kosten der Berliner Juden war nicht bloß eine Sache von Speers Prestige und der Akzeptanz des GBI, sondern Geschäftsgrundlage für die Vorbereitung des Berliner Hauptstadtbaus im Krieg.

Jumplabels: Go to page top, Go to navigation, Go to content.